Der Uchi Deshi – Fighters Blood

Hallo Freunde des Kampfsports!

In den letzten Tagen habe ich mal in Kampfsportforen gelesen und hatte Gelegenheit mit Alpay Karaman zu trainieren. Alpay Karaman, aus dem gleichnamigen Berliner Erfolgsteam, steht mitten in seinen Vorbereitungen auf den Superfight auf der „Olimp Trophy 3.0“, vom Veranstalter Hanse Gym am 27.06.2015. Sein Gegner bei den großen Jungs in der 95kg+ Kategorie, wird ein starker Tom Behrens sein.

Auf die Zuschauer wartet ein spannungsgeladener Kampfabend.


Dem Jüngsten aus dem Team Karaman bin ich während eines Interviews im Vorfeld des „Battle of Berlin 5“ in Berlin begegnet. Mit Kopfschutz und allem drum und dran stand ich ihm gegenüber. Es war mein erstes Interview mit einem K-1 Kampfsportler überhaupt und ich konnte es erst gar nicht glauben, als man mir sagte, Alpay wäre der „Kleine“. Groß. Richtig groß, stand er da, mit einem Blick drauf, der einen fixiert und am Kragen packt. Furchterregend. Was ich damals noch nicht so genau wusste: Dieser entschlossene, harte Blick – das so genannte „mad-dogging“ ist kein bloßes drum-herum, sondern gehört zum Kampfsport dazu und kündigt ohne große Worte das an, was im Ring mit Sicherheit, folgen wird.

Im Rahmen eines Wettkampfes sind Zurückhaltung aka Bescheidenheit gute Ratgeber und nicht nur dort. Das Menschen das auch anders sehen können, las ich dann auf dem Streifzug durch die Foren. Dort gerate ich an folgenden, interessanten Inhaltsersteller:

„Habe bis vor kurzem Karate gemacht. Ich grade eben von einem Freund nach hause gelaufen, da Karate Asi3kommen mir zwei entgegen. Einer von ihnen fragt mich nach einer Zigarette, worauf ich antworte
das ich nur noch 3 habe und er keine bekommt. Fängt er an zu brüllen:“Gib jetzt ne Kippe her du kleiner *****. Ich bin nicht darauf eingegangen und hab ein etwas schnelleres Tempo vorgelegt. Paar Minuten später kommen die mit einem Riesentyp wieder, der mir eine reinhauen will. Ich sage:“Okay, ihr bekommt die Zigaretten“, fasse in die Tasche, hol den Kubotan raus, hau dem Riesentypen so fest ich kann gegen das Handgelenk und trete ihm gleichzeitig ins Gemächt. Dann bin ich nur noch gerannt bis ich zu Hause war.“

Diese Dramatik trifft mich völlig unvorbereitet!

Mein Verstand wendet sich mit Grauen ab. Wie kann jemand „bis vor kurzem“ Karate gemacht haben und dann so eine Story ins Netz stellen? Die anderen Kommentare waren hauptsächlich zu einzelnen Techniken oder Trainingsabläufen gewesen, also wohl eher für Leute gedacht, die Kampfsport auch tatsächlich betreiben. Der hier, reißt alles aus dem Zusammenhang. Mir selbst war bis eben nicht klar das Batman den Scheinwerfer auf sich selbst richtet und dann auch noch selber anmacht? Die Frage aus der Gruppe: „Warum dieser Beitrag?“ und die nach dem Wahrheitsgehalt, sorgte bei dem Autoren für einige Aufregung. Das ging echt soweit das am Ende, vermutlich mit drohend erhobenem Keyboard, Kotz- und Mittelfinger Smilies an die „scheiss community“ gepostet wurden, bevor er das Netz mit einem herzhaften „Leckt mich doch alle am Arsch!“ und wehendem Haar verließ.

Ich will auf der Stelle die zehn Minuten meines Lebens zurückhaben, die ich hiermit verbracht habe! Ich habe mir doch echt den ganzen Mist reingelesen und mir sogar das beknackte Video von dem Typen angeschaut. Wenigstens weiß ich nun warum er nur „bis vor kurzem Karate“ betrieben hat:

Mangelnde Ernsthaftigkeit.

Warum ich das herausgreife ist einfach gesagt. Die modernen und die traditionellen Kampfkünste besitzen durchaus, aber seit jeher, Elemente, die für einige Menschen immer kontrovers oder skandalös bleiben werden. Für andere jedoch sind diese „brutalen“ Kampfkünste ein Mittel zum freien Selbstausdruck und ein Weg des Erfolges. Kein seriöser Kampfsportler oder Kampfsportlerin, würde sich so nach außen präsentieren. Zumindest keiner der mir bekannt ist. Nicht weil die alle einen Presselehrgang absolviert haben oder so etwas, nein, sondern weil sie sich durch ihren Sport als Persönlichkeiten ausdrücken und nicht mit ihren Fäusten als Meinungsverstärker durch die Gegend laufen – Punkt.

Unter ernsthaften Kampfsportlern, hört man auch mal raue Trainings- oder Wettkampfgeschichten. Erfrischender weise haben die aber gar nichts mit platten Prahlereien über wüste Schlägereien in dunklen Ecken zu tun, sondern vielmehr mit Respekt, Selbstkritik, Techniken und Durchhaltefähigkeit einem starken Gegner gegenüber. Gelebte Selbstkontrolle und Fehleranalyse des eigenen Verhaltens, als Ausdruck des verinnerlichten Lebenswegs eines Kämpfers, statt:“Ich-hab-bis-vor-kurzen-vor-der-Kneipe-Karate-gemacht-Kopfkino.“

Alpay sagte mal zu mir:„Wer mit den Beinen fest auf der Erde steht, für den ist es keine Schande zu Boden zu gehen – weil er immer wieder aufstehen wird. Doch wer hoch fliegt, fällt auch tief.“

Bodenständige, zielstrebige Charaktere, fröhliches Wesen und glasklar im Kopf. Diese Beschreibung steht für jeden der Jungs im Team Karaman.

Sich in Wettkämpfen zu messen dient dem Erfahrungsschatz eines Kämpfers. Teilnehmer an Wettkämpfen trainieren sich nicht nur in Höchstform, sie versuchen ebenfalls auch technisch auf möglichst alles vorbereitet zu sein. Verschiedene Trainingspartner sind ein großer Vorteil bei ushi1vorbereitendem Training und sorgen für die eine flexible aber durchgängige Konzentration des Kämpfers. Der Unterschied vom bloßen Erlernen und Abspulen von Techniken, rüber zu einem Wettkampf ist die Flexibilität im Kopf. Solange man selbst die Technik immer vorher noch „denken“ muss, bevor der Körper sie macht, ist noch nicht ausreichend geistige Flexibilität erreicht worden.

Mal ganz simpel beschrieben: Es nützt mir absolut nichts einen Block mit Schallschwindigkeit zu bringen, wenn ich keinen Plan entwickeln kann, welcher Gegenangriff kommen soll, weil ich versuche zu behalten welches Bein ich grade abgesetzt habe. Im K-1, Boxen, Kyokushin Karate – überhaupt im Ring oder auf der Matte führen solche Denkpausen unweigerlich auf den Boden!

Das gilt in jedem Falle noch für mich.

Die Techniken und die aus ihnen folgenden Konter, müssen fließen.

So kann ich es bei Alpay beobachten.

Bei meinem ersten K-1 Training stieg ich gegen unsere großen Jungs in den Ring. Alpay hat dort, aus der Ringecke, zu mir gesprochen. Gab mir Anweisungen. Ich hatte große Not ihn überhaupt zu verstehen, während Hüseyin Usta mich zusammenlegte. Doch genau das muss man überwinden können. Als ich dann mit Alpay im Ring stehe, gab mir Meister Cezmi Karaman Anleitung, wie ich was machen soll. Wer denkt das 100kg+ Kerle langsam und behäbig sind, sollte sich dringend mal ein Update besorgen. Man kann gar nicht so schnell gucken, da sitzt das Bein direkt am Kopf. In K-1 Wettkämpfen sind Bein und Fausttechniken zum Kopf erlaubt und bei guten Technikern gelangen diese 100kg auch zielgenau bis an die jeweilige Lieferadresse.

Ist das der Fall, singen die Sternchen:“Das Licht ist aus, wir gehen nach Haus.“ DAS ist sicher.

Sparring mit Alpay ist für mich körperlich und geistig sehr herausfordernd – wir lachen auch – das muss sein, doch die Schläge und Tritte die der Mann verteilt sind definitiv kein Spaß. Rechtes Bein – Krankenhaus. Linkes Bein – Friedhof. Meine blauen Flecken, Verzeihung: Orden, sind meine Zeugen. Die Wucht die in den Pratzen oder an meinem Körper ankommt ist so heftig, dass ich mich mit ganzer Kraft in seinen Tritt legen muss, um nicht umzufallen. Seinen Kick habe ich einmal nur unterschätzt und was passiert: Die Pratze landet im Gesicht. Bämm! Aua!
Wie sich Unterarme nach so einer Einheit anfühlen, wisst Ihr ja vielleicht selber. Schön ist anders und dabei stehe ich doch schon mit Lederkissen am Arm da. Doch was die Arme nicht bricht, macht sie härter – nicht wahr?

ushi2Apropos härter: Die Wettkampf vorbereitende Trainingseinheit mit Alpay war noch nicht ganz vorbei, da hatte Großmeister Tasev noch etwas für uns im Sinn, hätte Meister angesagt was kommt, wäre ich raus gelaufen. Ok, ok, raus vielleicht nicht, aber ich wäre doch schon sehr nah an der Tür gewesen.

Zu dritt finden wir zusammen: Bauchabhärtung.

Also, hinlegen und die anderen beiden hauen mit den Pratzen auf die Bauchdecke, das es nur so klatscht! Spitzenmässige Unterhaltung, soweit man nicht selber daliegt.

Ich habe auch herzhaft gelacht – bis ich an der Reihe war. Nach den ersten Dingern krümme ich mich zusammen, logisch, das zwirbelt richtig! Alpay sagt mir, das ich atmen und anspannen soll dabei. Scherzkeks. Bämm! Bämm! Immer rauf auf die Lende. Die beiden machen schon nicht so hart, doch die Übung ist über-heftig, wer lässt sich freiwillig so bearbeiten? Irgendwann schreie ich nur noch. „Schrei den Schmerz raus! Halt durch!“ Als ich diese Worte höre haben mich meine Trainingspartner am Boden fixiert: Rechter und linker Arm werden auf den Boden gedrückt und meine Beine habe die beiden auch irgendwie festgelegt – ich kann mich nicht rühren – nur durchhalten! Wie ein Schnitzel werde ich durchgeklopft!

“Beeeep!“ Endlich! Die Uhr erlöst mich! Stehen funktioniert. Ich bedanke mich bei Alpay und Goran für diese Einheit und gehe wackligen Schrittes zu meiner Wasserflasche.

Es verhält sich so, wie Alpay es mit seinen Worten ausgedrückt hat: Es gibt definitiv einen erheblichen Unterschied zwischen digitalem Kampfsport, in den Kommentarzeilen irgendwelcher Foren, zum realen Wettkampfgeschehen mit einem Gegner im Ring: Schmerzen und die Tatsache das man sich aus den Foren, anders als im Ring, auf Knopfdruck einfach und unbeschädigt ausloggen kann.

Ein guter Tag. Wieder etwas dazugelernt.

Osu.

Euer Uchi Deshi

Wie es weitergeht erfahrt Ihr hier! Wo? Nur auf German Fight News.